Nummer 140 läuft

Bocar, Mexico

Alfredo Davila und Ueli Jordi arbeiten seit Jahren daran, die Wettbewerbsfähigkeit von Bocar zu steigern. Als Tier-1-Lieferant für die Automobilindustrie muss das Unternehmen schnell und flexibel auf immer neue Anforderungen der Automobilhersteller reagieren. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit und die innovativen Lösungen von Bühler helfen Bocar dabei, in diesem heiss umkämpften Markt zu bestehen.

 

«Das haben wir gut gemacht: Nummer 140 läuft», sagt Alfredo Davila, Leiter Prozesse bei Bocar, zu seinem Nebenmann. Er steht mit seinem Team in der riesigen Fabrikationshalle von Bocar, die vor den Toren Saltillos im mexika- nischen Bundesstaat Coahuila steht. An der höchsten Stelle misst die Halle an die zwanzig Meter. Davila stemmt die Hände in die Hüften, reckt sich und betrachtet anerkennend den letzten Zugang seines Maschinenparks: eine Bühler Druckgussmaschine der Serie Carat 220. Davilas ruhiger Blick verrät nicht die Hektik des Alltags, nicht den Druck seiner Kunden, der Automobil- hersteller. Vor ihm liegt die Carat wie ein stoischer Gigant. Sie ist 130 Tonnen schwer, 13 Meter breit, 5 Meter hoch und baut eine Schliesskraft von 2’200 Tonnen auf. Auch unter den härtesten Bedingungen wird sie ihren Betrieb sicher und zuverlässig erfüllen. Eine Treppe führt in das Herz der Maschine: die Schliesseinheit, in der künftig im Minutentakt Karosserieteile für einen führenden Automobilhersteller entstehen.

Ein Gabelstapler mit Transportpfanne giesst das flüssige Aluminium in den Dosierofen. Das Fahrzeug wirkt winzig neben dem Druckgussgiganten. Der schillernde Rohstoff fliesst aus der gekippten Transportpfanne und verwan- delt die Produktionshalle in einen Ort der Metamorphose, an dem aus dem flüssigen Grundstoff jegliche Form erschaffen wird. Die Maschine schliesst

und die Schmelze wird unter hohem Druck mit lautem Knall innert 50 Millisekunden in eine Druckform eingespritzt. Während die Schmelze im Innern erstarrt, scheint die Maschine innezuhalten. Davila hält den Atem an. Die Zeit bleibt stehen. Schliesslich öffnet sich die Schliesseinheit und ein Industrieroboter entnimmt das neu geschaffene Karosserieteil. Ein zweiter Roboterarm reinigt daraufhin die Form. Das Sprühwasser verflüchtigt sich in einer zischenden Dampfwolke. Es geht weiter. Der nächste Zyklus steht an, der Kunde drängt, seine Produktionslinien dürfen nie stoppen.

Neben Davila steht Ueli Jordi, Prozessberater von Bühler. Gelassen schaut er dem Vorgang zu. Seine jahrzehntelange Erfahrung im Druckguss gibt ihm Sicherheit und die Gewissheit, jedes Problem lösen zu können. Gemeinsam mit seinem Partner und Freund Alfredo. Unter ihrer Anleitung wurde die neue Carat nach Mexiko geliefert und installiert. Es ist nicht die erste Lieferung, bei weitem nicht. Seit 1958 setzt Bocar ausschliesslich auf Druckgussmaschinen von Bühler. Und doch birgt jede Lieferung neue Herausforderungen. Die erste, die zweite, die zehnte und auch diese – es ist die 140. Maschine, die Bühler in bald 60 Jahren an Bocar geliefert hat. Davila wendet sich Jordi zu. «Lass uns feiern», sagt er. «Wir können stolz sein. Das Team hat hervorragend gearbeitet. Wir haben ein Festessen verdient.»

«Eine Partnerschaft sticht besonders hervor: die mit Bühler.»

— Alfredo Davila, Leiter Prozesse Bocar

Einzigartige Partnerschaft seit 1958
Am Anfang stand eine einzelne Maschine. Bühler lieferte 1958 die erste Druckgussmaschine an Bocar, damals noch ein kleines Unternehmen in Mexico City, vom deutschen Einwanderer Federico Baur gegründet. «Von 1958 bis heute hat sich einiges getan», sagt Davila. Bocar, der Name setzt sich aus «bombas» und «carburadores» – Pumpen und Vergaser – zu- sammen, ist heute zu einem der führenden Lieferanten in der Automobil- industrie Mexikos aufgestiegen. Das Unternehmen beliefert heute die gängigen Automarken weltweit. Aus einer Idee des Gründers entstand ein Unternehmen mit rund 6’000 Mitarbeitenden, 10 Produktionsstandorten in ganz Mexiko und Entwicklungsbüros an den Zentren der Automobilindustrie: Detroit, Wolfsburg und Yokohama.

Langfristige Beziehungen und Stabilität bilden die DNA des Unternehmens, das auch heute noch im Besitz der Familie Baur ist. Diese Werte sind essen- ziell für Bocar und das Unternehmen fordert sie auch bei den Lieferanten ein. «Bei dem extrem hohen Wettbewerb in der Automobilindustrie ist es entscheidend, starke Beziehungen zu den Partnern zu haben. Und da sticht eine Partnerschaft besonders hervor: die mit Bühler», sagt Davila. «Der Druck in dieser Industrie ist hoch. Wir können uns keine Fehler erlauben. Vertrauen ist enorm wichtig. Vertrauen in Bühler, und in Ueli.» Jordi nickt. Er kennt die Bedingungen in der Automobilindustrie nur zu gut und schätzt die langjährige Partnerschaft sehr.

Veränderungen waren nötig
Ueli Jordi arbeitet seit über 35 Jahren in der Druckgussindustrie und seit dem Jahr 2000 immer stärker für seinen Kunden Bocar. Der ehemalige Leiter der Ausbildung  bei Bühler  startete zuerst mit Kundentrainings  beim  mexikani-

schen Unternehmen. Dass die Bühler Leute mit ihrem Fachwissen Bocar helfen können, ihre Abläufe zu verbessern und die Produktivität zu er- höhen, blieb auch der Führungsetage von Bocar nicht verborgen. So kam es, dass Marcus Baur, heutiger Präsident des Unternehmens und Sohn des Gründers Federico Baur, Jordi eines Tages abfing und ihm eine Liste mit 11 Problemen in die Hand gab. «Könnt ihr uns dabei helfen?», fragte er. Kurz darauf übernahm Jordi das Key Account Management für Bocar. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Mexiko längst zur Industrienation entwickelt. Mit dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA hat das Land Zugang zur grössten Freihandelszone der Welt. Mittlerweile belegt Mexikos Wirtschaft weltweit den 14. Rang. Schritt für Schritt gründeten viele interna- tionale Unternehmen Produktionsstandorte in Mexiko. GM, Ford, Chrysler, Volkswagen, Honda, Toyota, Nissan und viele mehr – sie alle setzen auf hecho en México. Mit den neuen Herstellern wuchsen auch die Anforderun- gen an die Zulieferer. Das spielte Bocar in die Hände, denn das Unter- nehmen hatte – mit Bühler Anlagen – schon immer auf höchste Qualität gesetzt, um die Toleranzgrenzen der Originalhersteller einzuhalten oder gar zu unterschreiten. «Mit den neuen Abnehmern, den internationalen Stan- dards und dem Wirtschaftswachstum in Mexiko veränderte sich unsere Lage deutlich», sagt Davila. «Auf der Kostenseite stehen wir in Konkurrenz mit Anbietern aus Asien, ganz besonders aus China. Bei der Qualität und der Liefertreue fordern unsere Kunden höchste Standards und ahnden jede Abweichung gegenüber den Zeichnungen. Und um unsere Mitarbeitenden zu halten, müssen wir auch als Arbeitgeber überzeugen.» Rund 50 Jahre nach Unternehmensgründung war klar geworden, dass Bocar seine Prozesse grundlegend überarbeiten musste, um am Markt langfristig erfolgreich zu sein.

Der neuste Zugang zu Bocars Maschinenpark: eine Bühler Druckgussmaschine Carat 220.

Es brauchte ein Umdenken
In enger Absprache arbeiteten Davila und Jordi ein Massnahmenpaket aus: Ziel war es, die Effizienz der Anlagen und somit die Produktivität von Bocar nachhaltig zu steigern. Gleichzeitig sollten die hohen Anforderungen an Qualität und Liefertreue weiterhin erfüllt werden. Beiden war schnell klar: Hierzu war ein schlagkräftiges und gut ausgebildetes Team nötig. «Technisch waren wir ja bereits auf dem neusten Stand», sagt Jordi. «Aber bei den Prozessen und der Zusammenarbeit in den Werken gab es noch viel zu tun. Wir brauchten ein Umdenken; ein Wandel musste in den Köpfen stattfinden.»

So wurde gerade Jordis grosse Stärke zum entscheidenden Faktor: Ausbil- dung und Schulung. Davila ist überzeugt, dass dies massgeblich für ihren Erfolg war: «Die Ausbildung ist intensiv. Sie dauert insgesamt mehrere Wochen, verteilt über ein ganzes Jahr. Mit ihr werteten wir die Profile der Operatoren deutlich auf, gaben also den Menschen Unterstützung und Anerkennung, die dafür sorgen, dass die Druckgussmaschinen einwandfrei funktionieren. Wir nennen sie auch nicht mehr Operatoren, sondern Zellen- techniker, um dieser Veränderung einen Namen zu geben.» Damit wurde Bocar produktiver und wettbewerbsfähiger. Die Produktivität stieg in drei Jahren um 15 %, das entspricht rund zwei Stunden mehr Betriebszeit pro Maschine. Die Veränderung kam auch in den Köpfen der Mitarbeitenden an: Dank den Massnahmen stieg die Zufriedenheit der Zellentechniker und sie blieben nun auch länger beim Unternehmen.

Die Uhr läuft nach Mexiko
Durch die ersten Erfolge und die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Team in Mexiko konzentrierte sich Jordi immer stärker auf die Arbeit bei Bocar. «Zu Beginn war ich vielleicht vier Mal im Jahr bei Alfredos Team in Mexiko. Bis

2016 wurden es schon neun Besuche, meist für zwei Wochen. Und die Zusammenarbeit wird immer enger. Schritt für Schritt werde ich Teil von Bocar», sagt der langjährige Bühler Mitarbeiter und lacht, fast verlegen. Seit Beginn des Jahres ist er zu 100% für das Unternehmen zuständig, hat alle anderen Mandate abgegeben. Man kennt ihn in Saltillo und an den anderen Stand- orten: Er wird von allen herzlich gegrüsst. Die Mitarbeitenden bei Bocar schätzen seine Erfahrung und seine beharrliche Art, Probleme zu lösen. Und wenn er nicht in Mexiko ist, läuft seine innere Uhr nach dem Land in Nord- amerika. «Mein Tag startet etwas später, aber er dauert wegen des Zeit- unterschieds auch deutlich länger. In der Schweiz halte ich mit Telekonferen- zen täglich Kontakt zu meinen Partnern, in erster Linie Alfredo», sagt Jordi. «Bei Neuentwicklungen bin ich hautnah dabei und kann die letzten Entwick- lungen von Bühler einbringen. 3D-Druck, zum Beispiel, setzen wir bei besonders komplexen Druckgussformen seit fast zehn Jahren ein.» Zurzeit arbeiten die Teams daran, das Kühlwasser zu reduzieren, von zurzeit bis zu fünf Litern pro Zyklus auf wenige Milliliter. Das wird pro Maschine und Tag deutlich mehr als 1’000 Liter sparen und ist wirtschaftlich und ökologisch so sinnvoll, dass Jordi seinen Partner nicht lange davon zu überzeugen brauchte, die nötigen Entwicklungskosten zu tragen.

Davila, Jordi und das Kernteam von Bocar Saltillo feiern die erfolgreiche Inbe- triebnahme der neuen Carat wie im mexikanischen Familienunternehmen üblich: mit einem Barbecue unter freiem Himmel. Es ist der Abschluss eines erfolgreichen Projekts. Und keiner fragt, ob und wie es weitergeht. Denn die neue Maschinenhalle in Saltillo ist erst zur Hälfte gefüllt. Von langer Hand plant Bocar die weitere Entwicklung und die dazu nötigen Investitionen. Die nächsten Druckgussmaschinen von Bühler sind bereits bestellt. Jordi und Davila prosten sich zu. Auf das nächste Projekt. Auf Nummer 141. Auf weitere gute Zusammenarbeit. Als vertrauensvolle Partner. 

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