Vom Teilen der Lunchbox

Fine Chemicals, Nigeria

Dies ist die Geschichte von Rajeev Samant, Betriebsleiter bei Fine Chemicals, und Marco Lemmenmeier von Bühler, die Freunde wurden – und wie es ihnen gelang, das Unternehmen zum nigerianischen Marktführer für flüssige Druckfarben zu machen. 

Langsam rumpelt der Fahrzeugtross über die Schotterpiste. In der Nacht hat es geregnet und die Pfützen verlangsamen die Fahrt. Den Chauffeuren der überfüllten gelben Taxis, typisch für die Strassen von Lagos, der grössten Stadt Nigerias und Afrikas, scheint dies nichts anhaben zu können: Unge- rührt drängeln sie weiter links und rechts vorbei. Die Verkäufer, die sich entlang der Strecke postiert haben, nutzen die Gunst der Stunde. Ihnen gibt das gemächliche Tempo Zeit, sich zwischen die Fahrzeuge zu zwängen und ihre Produkte an den Mann zu bringen, die sie auf den Köpfen balancieren – von Brot über Scheibenwischer bis hin zu selbstgebrannten CDs bieten sie alles feil.
Nigeria – das ist die grösste Volkswirtschaft Afrikas mit Wachstumsraten von jährlich 6% und mit einem Bruttoinlandprodukt von rund 500 Mrd. Dollar, ver- gleichbar mit dem Belgiens. Elf Millionen Menschen leben in Belgien, über 180 Millionen in Nigeria. Das Land ist abhängig vom Öl und seinem Preis. Und trotz der aktuellen Rezession ist Nigeria noch immer ein Hoffnungsträger des Kontinents, mit wachsender Mittelschicht. Und damit auch mit wachsen- den Konsumansprüchen.

Weiter geht’s, vorbei an Ziegenschlachthöfen und belebten Märkten, bis der Fahrer nach einer guten Stunde plötzlich abbiegt und die Autos vor einem Tor zum  stehen  kommen. In  weisser  Schrift  ist  darauf  auf  schwarzem  Grund

«AVON» gepinselt: So heisst eine der Partnergesellschaften des Bühler Kun- den Fine Chemicals Nigeria Ltd., zu dem die Reise von Marco Lemmenmeier, technischer Projektleiter bei Bühler, heute geht. Heute: Das ist der 29. April 2014.

Wie in einer anderen Welt
Lemmenmeier ist auf Entdeckungstour und sehr gespannt. Wenige Monate zuvor hat sich Fine-Chemicals-Betriebsleiter Rajeev Samant auf der Oberflächenmesse ChinaCoat in China schlaugemacht. Samant wollte herausfinden, ob Bühler bereit sei, seine Vision zu teilen: Fine Chemicals zum Markt- und Qualitätsführer für Verpackungsdruckfarben in Nigeria zu machen. Damals ermutigte ihn der nigerianische Boom zum Aufbruch. Noch immer mussten damals die hochwertigen Produkte importiert werden. Bis dahin konnte kein inländischer Produzent die Nachfrage nach Qualitätsfarben vor allem für anspruchsvollere Prozesse bedienen. Fine Chemicals war einer der vielen Farbproduzenten, der sich durch nichts von seinen Konkurrenten unterschied und eine Handvoll Tonnen Farbe am Tag produzierte. Samant witterte seine Chance und suchte seinen technischen Counterpart. «Wenn wir beste Ware produzieren wollen, brauchen wir die beste Ausrüstung», sagt Samant.

«Zusammen mit Bühler haben wir unsere Vision wahr gemacht:
Wir sind Marktführer in Nigeria.»

— Rajeev Samant, Betriebsleiter Fine Chemicals

Er wartet schon ungeduldig am Werkstor auf Lemmenmeier. Die beiden Männer verstehen sich auf Anhieb. Beide wollen etwas bewegen. Beide teilen die gleiche Vision; beide sind pragmatisch; beide verstehen die Technik; beide sind offen für Neues. Und: Beide sind mit Indien verbunden: der eine als indischer Expat in Nigeria; der andere als Schweizer, der in Indien lebte und arbeitete. Das gibt von Anbeginn eine gemeinsame Basis.

Nach dem ersten Rundgang sind Lemmenmeier drei Dinge klar. Erstens: Hier ist Pionierarbeit zu leisten. Die Technologien und Anlagen sind komplett ver- altet, alles ist Stückwerk. Knapp 10 % des Rohmaterials verdampfen aus offenen Behältern und Kanistern in dem tropischen Klima Nigerias. Für das Unternehmen ein finanzieller Verlust, für die Arbeiter und die Umwelt eine enorme Belastung. Anlagensteuerung heisst hier noch, dass jemand aus einem offenen Eimer Lösemittel oder Pigmente in die Farbmischung gibt, wenn die Farbstärke oder die Viskosität nicht stimmt. Zweitens wird dem Bühler Mann schnell klar, dass hier trotzdem Profis am Werk sind. «Samant hat ein Gefühl für die Farbe, für die Technik – er kennt die Grundlagen in- und auswendig», sagt Lemmenmeier, «schliesslich ist es nicht die erste Anlage, die er gebaut hat.» Und drittens atmet er auf: Das bestehende Gebäu-

de reicht aus, um die neue Anlage aufzunehmen. Das macht das gesamte Projekt einfacher zu planen und umzusetzen.

Voller Einsatz
Die Entdeckungsreise von Lemmenmeier endet als voller Erfolg, es soll los- gehen. Ein Angebot muss her. Im Raum steht ein Projekt, das für das Land wegweisend ist und für Bühler einen 3-Millionen-Franken-Auftrag darstellt.
Unter Hochdruck entsteht die neue Anlage als 3D-Modell am Bildschirm und nimmt Form an. Die Bühler Ingenieure planen eine halbautomatische Anlage, die auf die Rahmenbedingungen in Nigeria und an das Bedienpersonal angepasst ist: «Eine vollautomatischen Steuerung würde uns überfordern», sagt Samant.
Aus einer Hand plant und organisiert Bühler für seinen Kunden die Nassver- mahl-Anlage, deren Kernkomponente eine Kugelmühle ist. Die Komplexität hat es in sich. Aus Europa, China und Indien kommen die Komponenten. «Das so zu planen, dass alle Einzelteile pünktlich vor Ort sind, ist nicht tri- vial», sagt Lemmenmeier. Doch alle Beteiligten sind vollkommen engagiert und ziehen an einem Strang. «In diesem Projekt steckt viel Herzblut», sind sich Samant und Lemmenmeier einig.

Mit Bühler Equipment plant Fine Chemicals den internationalen Export.

Gemeinsames Teetrinken
Eineinhalb Jahre dauert der Umbau. Eineinhalb Jahre, in denen sich die Partner näherkommen. Das beginnt damit, dass die Bühler Leute stets vom Flughafen abgeholt und begleitet werden. «Wenn wir über das Wochenende im Land waren, wurden wir von unseren Kollegen nach Hause eingeladen», erinnert sich Lemmenmeier noch immer gern. Während der Installations- phase entwickelt sich aus der guten Beziehung zwischen Lemmenmeier und Samant eine echte Freundschaft. In den Pausen trinken die Projektpartner gemeinsam Chai und sie nehmen ihr Mittagessen gemeinsam ein. Das Lieblingsgericht von Lemmenmeier: Curry mit Roti – hart gekochten Eiern, eingelegt in einer feurigen, mit indischen Gewürzen verfeinerten Sauce, welche mit dem Fladenbrot direkt von Hand gegessen wird. Samant teilt sogar seine Lunchbox von zuhause mit Lemmenmeier. «Grossartige Gast- freundschaft des Kunden zu jeder Zeit», sagt Lemmenmeier.

Doch dann, kurz vor der Fertigstellung, ein Tiefpunkt: Auf der Baustelle geht es nicht mehr vorwärts. Wochenlang hatten sich die Bauarbeiten in die Länge gezogen. «Fine Chemicals wollte so bald wie möglich produzieren, war aber mit verschiedenen Arbeiten in Verzug», erinnert sich Lemmenmeier. Er zieht die Notbremse, zieht das Implementierungsteam ab und setzt eine «Action List» mit offenen Punkten auf, die vor Inbetriebnahme erledigt sein müssen. Bühler zieht sich 30 Tage zurück. «Auch wenn es ein harter Schritt war, war das im Nachhinein die richtige Entscheidung, um allen Beteiligten die Augen zu öffnen», sagt Lemmenmeier heute. Die Partner einigen sich auf das weitere Vorgehen, vor allem, dass die neue Produktionslinie für Weiss

als Erstes in Betrieb genommen werden soll. Samant ist froh über die Hilfe- stellung und den Realismus der Schweizer. Er setzt mit seinem Team alle Hebel in Bewegung und arbeitet mit ihnen Schritt für Schritt die Aufgabenliste ab. So gelingt es, im vereinbarten Zeitrahmen die Anlage in Betrieb zu nehmen. Am 17. Februar 2016 fliessen die ersten sechs Tonnen weisser Hochqualitätsfarbe in die Fässer, auf welche die Kunden von Fine Chemicals schon warten.

Nicht nur für Fine Chemicals beginnt damit eine neue Ära in der Farbenher- stellung – auch für das Land, ja sogar für den Kontinent: Die halbautomati- sche Farbanlage ist die erste dieser Art in Afrika überhaupt. Und von Anbe- ginn hält sie, was Bühler versprochen hat. Der Ausstoss für Fine Chemicals hat sich um das rund Zweifache auf rund 10 Tonnen erhöht, die Farbqualität ist ausgezeichnet und entspricht internationalen Ansprüchen – und auch das Verdunsten der schwer zu importierenden Lösemittel hat ein Ende.

«Zusammen mit Bühler haben wir unsere Vision wahr gemacht: Wir sind Marktführer in Nigeria», sagt Samant – und setzt bereits zum nächsten Sprung an. Dank des erweiterten Prozess-Know-hows erweitert Fine Chemicals seinen Aktionsradius, etwa durch neue Formulierungen für Kartonbedruckung. «Mit Bühler können wir unser Unternehmen weiterentwickeln», sagt Samant. Und das nicht nur punkto Produktportfolio, sondern auch geografisch. Fine Chemicals will in Zukunft auch international mitmischen und plant den Export seiner Qualitätsware: Nachbarländer wie Ghana und Togo stehen dabei ganz oben auf der Liste.

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