Faktor 5

Phung Hoang, Vietnam

Bich Tuyen und Luong Trung Hieu vereint die Vision,
ihr Land mit Reis höchster Qualität in eine bessere Zukunft zu führen.

Jetzt muss es schnell gehen. Es ist Ende 2014 und TET, das vietnamesische Neujahrsfest, steht vor der Tür. Bich Tuyen, die mutige 37-jährige Geschäfts- frau und Inhaberin von Phung Hoang Rice Mills, treibt Arbeiter an. Kurz entschlossen hatte sie nur wenige Tage zuvor entschieden, ihre Kapazität auf 400 Tonnen pro Tag zu verdoppeln. Dafür bestellte sie bei Bühler neue optische Sortierer, automatische Abpackmaschinen und 30 neue 100-Tonnen-Silos. Die halbe Fabrik muss für die Erweiterung ab- und wieder aufgebaut werden. Die Zeit läuft. In nicht einmal drei Monaten soll die Anlage wieder auf Hochtouren laufen. Weshalb die Eile? TET ist nicht nur ein religiöses Fest, sondern markiert auch in der Wirtschaft den Zeitenwechsel. Drei Tage lässt der Brauch alle Räder stillstehen; danach brechen sich die Geschäfte mit voller Wucht Bahn. «Die besten Geschäfte werden gleich nach dem TET gemacht. Wenn wir die Anlage nicht vorher in Betrieb nehmen können, dann sind wir das ganze Geschäftsjahr im Rückstand», weiss Bich Tuyen.

Einstieg ins Exportgeschäft
Das will sie auf keinen Fall riskieren. Seit drei Jahren ist sie mit Bühler auf der Überholspur, modernisiert und expandiert ihr Reisgeschäft im Turbotakt. Mit der neuen Anlage und der gesteigerten Kapazität will sie endlich gross in das

Exportgeschäft einsteigen. Sie wittert ihre Chance, 2016 soll den ersten Durchbruch bringen.

Dieser Drive, diese Entschlossenheit, dieser Wille zum Erfolg: Das ist Bich Tuyen. Sie ist eine Frau des Mekong-Deltas, und so wie jeder Mensch geprägt durch ihre Heimat, von Landschaft, Klima und Kultur. Bei ihr sind das endlose Terrassenfelder, immer-sattes Grün, Wärme, fruchtbar-feuchte Äcker – und: Reis. Überall Reis. Die Region ist das grösste Anbaugebiet des Grundnahrungsmittels in Vietnam; sie ist die südliche Reiskammer des Landes. 25 Millionen Tonnen werden hier jährlich geerntet. Mehr als 1,6 Millionen Reisbauern bewirtschaften die Felder Vietnams, 70 % der Menschen arbeiten in der Landwirtschaft. Hier wächst Bich Tuyen auf. Reis spendet Arbeit. Reis spendet Leben. Und Reis sollte ihr Leben werden.

Die Tuyens, die im Ort An Giang nahe der kambodschanischen Grenze leben, betreiben eine kleine Reismühle traditioneller Art. «Ich bin mit Reis gross geworden», sagt sie. Je älter sie wird, desto stärker wächst sie in den Familienbetreib hinein, dem sie 2005 beitritt. Je stärker sie sich mit der Materie auseinandersetzt und einen professionellen Blick einnimmt, desto stärker spürt sie die Sicherheit, dass das ihre Berufung ist: «Ich will, dass Vietnam den besten Reis der Welt produziert».

«Ich will, dass Vietnam den besten Reis der Welt produziert.»

— Bich Tuyen, Inhaberin der Phung Hoang Reismühle

Das ist ihre Vision. Heute rangiert Vietnam als Nummer drei unter den Reis- exporteuren, gleich hinter Thailand. Doch das Image der Ausfuhrware ist nicht so, wie es sein sollte, hauptsächlich wegen der veralteten Technologie, die die Lebensmittelsicherheit nicht berücksichtigt und es den Reisprodu- zenten nicht erlaubt, ihre Mühlen so zu führen, dass sie höchste Effizienz und beste und gleichbleibende Reisqualität erzielen.

Qualitätsmarke für Vietnam
Bich Tuyen realisiert all das – und sie will dieses Dilemma durchbrechen. Die Chance, auf die sie schon immer gewartet hat, präsentiert sich nach nur zwei Jahren im Geschäft. Am 28. August 2007 gründet sie ihr Unternehmen Phung Hoang mit dem Ziel, eine Qualitätsmarke für Vietnam und Südostasien aufzubauen. Eine Marke, die nicht nur für Top-Produkte steht, sondern auch für ökologische und soziale Nachhaltigkeit. «Mir ist wichtig, dass wir die geschäftlichen Erfolge in Einklang bringen mit den sozialen Bedürfnissen und dass wir einen positiven Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft leisten», sagt Bich Tuyen. Reis ist für sie nicht nur Business. Reis bedeutet Leben. Und sie will ein gutes Leben, nicht nur für sich selber, sondern auch für ihre Mitarbeitenden.

Damit ist sie nicht allein. Sie hat Mitstreiter. Einer davon ist Luong Trung Hieu, 40 Jahre alt. Auch er träumt davon, sein Land in eine bessere Zukunft zu führen. «1A-Reisqualität verlangt nach 1A-Reistechnologie», sagt er. Die will er entwickeln und bauen. Nach seinem Studium als Maschinenbauer an der Ho Chi Minh Universität geht auch er ins Reisgeschäft. Er lernt das Import- und Exportgeschäft kennen und installiert Reismühlen in Indonesien, den

Philippinen und Kambodscha. 2009 gründet er mit einigen Kollegen ein eigenes Unternehmen, Farmila Vietnam Ltd., das er 2013 in ein Joint Venture mit Bühler einbringt. Zusammen wollen die Partner die Reislösungen von Bühler auf den lokalen Markt anpassen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sich Bich Tuyen und Luong Trung Hieu kennen lernen, was 2013 geschieht. Sofort funkt es zwischen den beiden. «Wir haben sofort gemerkt, dass wir die gleiche Vision teilen», sagen beide unisono. In Luong Trung Hieu Hieu findet die Reisfrau ihr technisches Alter Ego. Und mit der ganzen globalen Bühler Organisation kann er ihr etwas anbieten, was am Markt sonst niemand kann: eine gesamthafte Lösung auf höchstem Niveau, von der Annahme und dem Handling des noch feuchten, ungeschälten und oft schmutzigen Paddy-Reises bis zum Reinigen, Trocknen, Schälen, Polieren, Sortieren und Verpacken. Bühler meint es ernst mit der Kundennähe: Im Januar 2013 hat die Gruppe einen eigenen Standort für Reistechnologie und -verarbeitungslösungen in Vietnam eröffnet.

Denn die Reisverarbeitung ist deutlich anspruchsvoller als die von Mais oder Weizen und braucht aufgrund regionaler Besonderheiten regionale Anbin- dung. Während alle anderen Getreidesorten ähnlich wachsen, geerntet und zu Mehl vermahlen werden, ist die Kultivierung von Reis vielfältig. Vor allem darf das Reiskorn trotz der harten und effizienten Maschinenprozedur nicht brechen. Bruchreis ist mindere Qualität und rund 35 % weniger wert. Bühler weiss, wie man schonende Prozesse entwickelt und Gesamtanlagen baut, die bis zu 5 % weniger Bruch erzeugen. Das ist bares Geld und Bich Tuyen ist bald einmal davon überzeugt.

Die optische Sortiermaschine Sortex S prüft 20 Millionen Reiskörner in der Minute.

Schnell fasst die Selfmade-Woman Vertrauen und bestellt 2013 die ersten Schäler, die nach dem Dreschen das silbrige Häutchen vom Reis entfernen. Tuyen ist begeistert. «Vom ersten Tag unserer Zusammenarbeit an hat Bühler immer das geliefert, was sie versprochen haben», sagt Bich Tuyen. Wenn es in den Projekten mal geklemmt hat, konnten die Partner Klartext miteinander reden und die Probleme rasch aus dem Weg räumen. «Wir gehen ehrlich miteinander um», betont Luong Trung Hieu.

So sind die Schäler die Wegbereiter für das erste grosse Projekt: eine kom- plett neue Reismühle mit den modernsten Technologien und Maschinen. Im April 2014 geht es los. In Rekordzeit erstellen die Partner die modernste Anlage Vietnams mit einer Leistung von 500 Tonnen pro Tag, 20 % besserer Energieeffizienz, höchster Verfügbarkeit und Top-Automatisierung. Dank den beiden erfolgreichen Projekten beginnt Bich Tuyen im grösseren Stil nachzu- denken. Sie entscheidet sich, eine weitere Reismühlenanlage zu bestellen, wiederum eine Gesamtlösung von Bühler mit einer Leistung von 400 Tages- tonnen – von der Verarbeitung des nassen Rohreises bis hin zum export- bereiten abgesackten Fertigreis.

Optische Sortierung für beste Qualität
Die Besonderheit dieser Anlage sind die sechs Sortex-S-Sortieranlagen. Jedes einzelne Reiskorn wird damit in der Verarbeitung optisch begutachtet, die verfärbten oder beschädigten werden aussortiert. Die Sortex S ist die mit Abstand leistungsfähigste optische Sortiermaschine auf dem Markt, der Rolls-Royce im Wettbewerb. 20 Millionen Körner erfasst und prüft die Maschine in der Minute mit 250 Datenpunkten und einer hervorragenden Trefferquote. «Damit erreichen wir ein für Vietnam bislang unbekanntes Qualitätsniveau», freut sich Bich Tuyen. Weil kontaminierte Körner konsequent aus der

Nahrungskette genommen werden, kann Phung Hoang auch höchste Lebensmittelsicherheit garantieren. Das ist im vietnamesischen Markt bislang einmalig.

Es ist Anfang Februar 2016 und jetzt muss es schnell gehen, da TET, das Neujahrsfest, immer näher rückt. «Uns war von Anfang an klar, dass wir eine Mission Impossible vor uns hatten», erinnert sich Luong Trung Hieu. Doch auch er ist entschlossenen Charakters und trifft eine ungewöhnliche Ent- scheidung: Alles, was im Büro zwei gesunde Beine und Arme hat, um Dinge zu tragen, schrauben, schneiden, schweissen oder befestigen, wird für die nächsten Tage zur Hilfeleistung auf die Baustelle entsandt. Vertriebsmitar- beiter, Konstrukteure, Ingenieure, F+E-Personal und Buchhalter arbeiten Hand in Hand mit dem Baustellen-Fachpersonal. «Das hat uns unglaublich beeindruckt», sagt Bich Tuyen.

Gemeinsam schaffen die Partner das Unmögliche: Noch vor Tân Niên, dem ersten Tag des Fests, ist das Werk vollbracht. Gleich nach TET geht Bich Tuyen in die Exportoffensive und liefert 1’000 Tonnen besten Reis nach Dubai.

Und was kommt jetzt für diese unternehmenslustige Frau?
Mit der Kombination von höchster Qualität, Lebensmittelsicherheit und Pro- duktionseffizienz hat Phung Hoang in Vietnam die Marktführerschaft errungen. Beflügelt durch diesen Erfolg, bereitet sich Bich Tuyen für den nächsten grossen Schritt vorwärts vor: die Erhöhung der Anlagenleistung um das Fünffache! «Unsere gemeinsame Reise hat erst begonnen», lächelt Bich Tuyen.

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